Stadtrat lehnt steigende Verpflegungsentgelte in Kitas ab
Der Stadtrat der Stadt Wernigerode hat sich in seiner Dezember-Sitzung gegen eine Erhöhung der Verpflegungsentgelte für Kindertagesstätten, Kinderkrippen und Horte ausgesprochen. Die Verwaltung hatte eine Anpassung vorgeschlagen, die im Durchschnitt einer Kostensteigerung von rund 16 Prozent entsprochen hätte, um gestiegene Lebensmittel- und Versorgungskosten auszugleichen. Nach Angaben der Verwaltung sollten damit Mehreinnahmen von insgesamt rund 100.000 Euro erzielt werden. Täglich werden in den Einrichtungen etwa 900 Kinder verpflegt.
Die Abstimmung verlief denkbar knapp: 13 Stadträte und OB Tobias Kascha stimmten für die Vorlage , 14 – aus den Fraktionen CDU, AfD und BfW/FDP – dagegen. Mehrere Enthaltungen gaben am Ende den Ausschlag. Bei Stimmengleichheit gilt eine Vorlage als abgelehnt – damit blieb es bei den bisherigen Entgelten. Die Entscheidung ist damit getroffen, die dahinterliegende Abwägung bleibt jedoch politisch relevant: Denn die Frage, was ein Mittagessen in der Kita kosten soll, ist letztlich auch eine Frage nach Prioritäten im städtischen Haushalt.

Argumente für eine regelmäßige Anpassung
Ein zentraler Punkt spricht dafür, die Verpflegungsentgelte in gewissen Abständen zu erhöhen: Die Zentralküche der Stadt steht – wie private Haushalte – unter dem Druck deutlich gestiegener Lebensmittelpreise. Wenn die Entgelte dauerhaft stabil bleiben, während die Einkaufskosten steigen, wächst das Defizit in der Essensversorgung. Dieses Defizit verschwindet nicht, sondern muss am Ende durch den städtischen Haushalt ausgeglichen werden.
Hinzu kommt ein praktisches Problem: Wer lange nicht anpasst, muss irgendwann stark nachziehen. Das führt typischerweise zu sprunghaften Erhöhungen, die Eltern deutlich stärker belasten als kleine, planbare Schritte. Eine regelmäßige Überprüfung und Anpassung, etwa in einem Rhythmus von drei Jahren und orientiert an der Teuerungsrate, könnte zwei Ziele gleichzeitig verfolgen: das Defizit begrenzen und extreme Gebührensprünge vermeiden.
Argumente gegen eine Erhöhung
Auf der anderen Seite steht eine politische und gesellschaftliche Realität, die viele Stadträte mit großer Sorge betrachten: Die Geburtenzahlen sind stark rückläufig. In einer solchen Lage erscheint es naheliegend, Familien nicht zusätzlich zu belasten, sondern im Gegenteil gezielt zu entlasten. Niedrige oder stabile Verpflegungsentgelte können als ein Baustein verstanden werden, um Hürden für Familien zu reduzieren und die Stadt insgesamt kinder- und familienfreundlicher zu machen.
Dieses Argument zielt weniger auf die Kalkulation der Zentralküche, sondern auf ein übergeordnetes politisches Ziel: Wenn Kinder und Familien stärker gefördert werden sollen, kann es legitim sein, größere Defizite im Bereich Bildung, Betreuung und Förderung in Kauf zu nehmen – gerade bei Kleinkindern, wo frühe Förderung besonders wichtig ist. In dieser Logik wäre ein Defizit nicht primär ein „Problem“, sondern ein bewusst akzeptierter Beitrag der Allgemeinheit.
Die eigentliche Frage: Wo setzt die Stadt ihre Prioritäten?
Beide Perspektiven sind nachvollziehbar – und beide haben Konsequenzen. Denn jede Entlastung an einer Stelle muss finanziert werden. Wenn die Stadt Verpflegung stärker bezuschusst, fehlt dieses Geld an anderer Stelle: bei freiwilligen Leistungen, bei Investitionen, bei der Unterhaltung von Infrastruktur oder bei dem Spielraum, Abgaben und Steuern zu senken. Kommunalpolitik ist in diesem Sinne immer auch eine Entscheidung über Alternativen.
Genau hier kommt politische Konsequenz ins Spiel. Wer Familien und Kinder besonders fördern will, muss gleichzeitig benennen, was dafür nicht oder nur eingeschränkt möglich ist – und diese Priorität auch über mehrere Haushaltsjahre durchhalten. Umgekehrt gilt: Wer auf Kostendeckung und regelmäßige Anpassungen setzt, muss erklären, warum diese zusätzliche Belastung für Familien vertretbar ist und wie Härten abgefedert werden können.
Fazit
Die Entscheidung des Stadtrats ist ein Signal: In der aktuellen Situation sollen Familien nicht zusätzlich belastet werden. Gleichzeitig bleibt die strukturelle Frage bestehen, wie die Stadt mit steigenden Kosten in der Essensversorgung umgeht, ohne später vor umso größeren Sprüngen zu stehen. Die Debatte ist damit nicht beendet, sondern verschiebt sich auf die Grundsatzebene: Haushaltsdisziplin und Kostennähe – oder stärkere familienpolitische Entlastung auch um den Preis eines höheren Defizits. Entscheidend ist, dass Wernigerode – egal in welche Richtung – eine konsistente Linie findet, die finanzierbar bleibt und nachvollziehbar kommuniziert wird.
