Brockenbahn vor der Grunderneuerung: Stadtrat entscheidet über Millionen-Zuschuss
Als Gesellschafterin der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) trägt die Stadt Wernigerode Mitverantwortung für eines der wichtigsten touristischen Zugpferde der Harzregion. Doch hinter den dampfenden Lokomotiven verbirgt sich eine ernüchternde Bilanz: Jahr für Jahr schreibt die Bahn Millionenverluste, ihre Infrastruktur ist in die Jahre gekommen. Ein Gutachten kam zu dem Schluss, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Schmalspurbahn fließen muss, um sie zukunftsfest zu machen. Den Anfang macht die Brockenstrecke und über den städtischen Anteil an deren Sanierung soll der Stadtrat noch vor der Sommerpause entscheiden.
Worum geht es?
Über Jahre hat sich bei der HSB ein erheblicher Investitionsstau aufgebaut – an Gleisen und Brücken, an Bauwerken, Fahrzeugen und Werkstätten. Mit der Brockenstrecke liegt nun das erste Sanierungspaket auf dem Tisch, und es ist zugleich das prominenteste: Die Fahrt auf den höchsten Berg Norddeutschlands ist das touristische Herzstück der HSB.
Die Sanierung der Brockenstrecke wird insgesamt rund 59 Mio. Euro kosten. Den Großteil dieser Summe schultern Bund und Land. Auf die kommunalen Gesellschafter, also Stadt Wernigerode und Landkreis Harz, entfällt damit ein gemeinsamer Eigenanteil von rund 18,5 Mio. Euro.
Geplant ist die Sanierung in drei aufeinanderfolgenden Bauabschnitten. Den Auftakt bildet die Erneuerung der Bahnhöfe Wernigerode, Drei Annen Hohne und Schierke. Hier werden Bahnsteige, Gleise und Gebäude saniert, dazu kommen die Gleissanierung zwischen Schierke und Brocken sowie die Instandsetzung von Durchlässen und Stützmauern entlang der Strecke. Im zweiten Abschnitt rücken die großen Bauwerke in den Fokus: Tunnel werden ertüchtigt, weitere Stützmauern und Durchlässe saniert und umfangreiche Gleisarbeiten zwischen Steinerne Renne, Drei Annen Hohne und dem Brocken durchgeführt. Der dritte Abschnitt schließt die Grunderneuerung ab. Brücken werden instandgesetzt, Bahnübergänge erneuert und die verbliebenen Bahnhofs und Gleisarbeiten an den Stationen Wernigerode, Steinerne Renne und Schierke abgeschlossen.
| Bauabschnitt | Kosten | Bundesmittel | Landesanteil | Eigenanteil (Stadt + Landkreis) |
| BA 1 – Bahnhöfe und obere Brockenstrecke | 20,38 Mio. € | 10,19 Mio. € | 3,06 Mio. € | 7,13 Mio. € |
| BA 2 – Tunnel, Bauwerke, Gleissanierung | 17,15 Mio. € | 8,57 Mio. € | 2,57 Mio. € | 6,00 Mio. € |
| BA 3 – Bahnhöfe, Brücken, Bahnübergänge | 15,32 Mio. € | 7,66 Mio. € | 2,30 Mio. € | 5,36 Mio. € |
| Gesamt | 52,85 Mio. € | 26,42 Mio. € | 7,93 Mio. € | 18,50 Mio. € |
Was bedeutet das für die Stadt Wernigerode?
Eine Beschlussvorlage im Kreistag des Landkreises Harz sieht vor, den kommunalen Eigenanteil in Höhe von 18,5 Mio. Euro nach geografischer Zuständigkeit aufzuteilen. Für die Stadt Wernigerode entfallen nach diesem Schlüssel im Zeitraum 2027 bis 2030 insgesamt rund 4,3 Mio. Euro:
| Jahr | Eigenanteil Stadt Wernigerode |
| 2027 | rund 470.000 € |
| 2028 | rund 1,1 Mio. € |
| 2029 | rund 1,4 Mio. € |
| 2030 | rund 1,2 Mio. € |
| Summe | rund 4,3 Mio. € |
Wie kann das finanziert werden?
Der Investitionszuschuss für die HSB war bisher nicht im städtischen Haushalt eingeplant. Eine Möglichkeit der Finanzierung wäre das Sondervermögen Infrastruktur des Bundes Die Stadt Wernigerode erhält aus diesem über zehn Jahre verteilt rund 10 Mio. Euro, also etwa 1 Mio. Euro pro Jahr. Damit ließe sich der Eigenanteil an der Sanierung der Brockenstrecken zumindest teilweise darstellen. Allerdings müssten dafür andere dringende Projekte zurückstehen oder gestreckt werden, etwa Vorhaben in den Bereichen Schulen, Kitas, Straßen, Feuerwehr oder Klimaanpassung. Die Entscheidung über den Eigenanteil ist deshalb zugleich eine Priorisierungsentscheidung über die Verwendung dieser einmaligen Mittel.
Kritik aus dem Stadtrat
Auch wenn sich der Stadtrat grundsätzlich zur HSB bekennt, rumort es hinter den Kulissen. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Informationspolitik der Bahn: Das maßgebliche Gutachten wird wie eine Verschlusssache behandelt und den Räten bisher vorenthalten. Wer über Millionenbeträge aus der Stadtkasse entscheiden soll, fühlt sich durch dieses Vorgehen zu Recht düpiert.
Thomas Schatz, Stadtrat des Bündnis für Wernigerode, formuliert es deutlich: „Hier entsteht der Eindruck, als ob man etwas verheimlichen will.“ Bevor der Stadtrat verantwortungsbewusst entscheiden könne, brauche es zuerst einen belastbaren Gesamtüberblick über die Sanierung der HSB. Nur so wisse man, wohin die Reise gehe – „denn das Geld für die HSB muss an anderen Stellen zusammengestrichen werden“.
Schatz erinnert dabei an ein warnendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, den Bau der sogenannten Gläsernen Werkstatt: „Dem Stadtrat wurde damals das Blaue vom Himmel versprochen, herausgekommen ist eine dysfunktionale Blechdose, die den Anforderungen nicht gewachsen ist.“ Ein solcher Vertrauensbruch dürfe sich nicht wiederholen. Seine Forderung daher unmissverständlich: zunächst das Gutachten, dann das Geld.
Original-Dokumente zum Download
- Beschlussvorlage Kreistag Harz zur Grunderneuerung der Brockenstrecke
- Finanzierungsplan
- Projektübersicht
Das ist erst der Anfang eines gewaltigen Projektes
Die Brockenstrecke ist nur der erste Baustein eines gewaltigen Vorhabens. Das im September 2025 vorgestellte Entwicklungs- und Konsolidierungskonzept der SCI Verkehr GmbH beziffert den Gesamtinvestitionsbedarf der HSB auf rund 544 Mio. Euro bis 2045.
Hinter diesen Zahlen stehen konkrete Vorhaben wie die Grunderneuerung des Streckennetzes, die Beschaffung einer neuen Triebwagengeneration mit alternativen Antrieben, der Umbau von sechs Dampflokomotiven auf Leichtölfeuerung oder der Neubau einer erweiterten Werkstatt für die Instandhaltung der künftigen Triebwagen. Für Zündstoff sorgt der Vorschlag der Gutachter, den regelmäßigen Zugbetrieb auf der Selketalbahn sowie weiterer Nebenstrecken einzustellen.
Was der Stadtrat jetzt für die Brockenstrecke entscheidet, ist also weit mehr als ein einmaliger Beschluss über 4,3 Mio. Euro. Es ist die erste von mehreren großen Weichenstellungen für den Erhalt der Harzer Schmalspurbahnen in den kommenden zwei Jahrzehnten. Deshalb müsse man den Stadträten von beginn an reinen Wein einschenken, bekräftigt Thomas Schatz die Forderung der BfW/FDP-Fraktion nach umfassender Transparenz.
